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Männedorf Diskussionsabend der FDP über Viertelstundentakt auf der Bahnstrecke Stäfa–Zürich
Lange Wartezeit auf 15 Minuten
Mit einer Petition hat die FDP die Diskussion um einen Viertelstundentakt auf der S-Bahn- Linie Stäfa–Zürich neu entfacht. Die rasche Umsetzung dieses Anliegens dürfte jedoch nicht leicht werden.
Lucien Scherrer
Das Schicksal der Pendler vom rechten Zürichseeufer wird derzeit in düsteren Farben gemalt: Jeden Morgen müssen sie sich in überfüllte Züge Richtung Zürich zwängen, in denen bereits ab Männedorf um die letzten freien Sitzplätze gekämpft wird. Am Abend, müde von der Arbeit, gilt es, dieselbe Qual auf dem Rückweg zu erdulden. Und falls die Passagierzahlen weiter ansteigen, werden bald Zustände herrschen wie in der Tokioter U-Bahn, in der die Fahrgäste von behandschuhten Beamten in die Waggons gequetscht werden.
So jedenfalls tönt es derzeit von den freisinnigen Ortsparteien der oberen Seegemeinden (Männedorf, Uetikon, Stäfa, Hombrechtikon und Meilen), welche die Pendler-Misere als (Wahlkampf-) Thema aufgegriffen haben. Die FDP sammelt seit Anfang Mai Unterschriften für eine Petition, die dem Zürcher Verkehrsverbund (ZVV) Dampf machen soll für die Einführung des Viertelstundentakts auf der Strecke Stäfa–Zürich. Bereits ab dem Fahrplanwechsel 2010/11, so die Forderung der FDP, soll die S7 zu Stosszeiten mit einer weiteren Linie entlastet werden.
Ob die Subito-Forderung realistisch ist, ist eine andere Frage. «Viertelstundentakt an der Goldküste: realistisch oder utopisch?», lautete denn auch der Titel einer Podiumsdiskussion, die am Mittwochabend von der FDP Männedorf organisiert wurde. Eingeladen waren der Meilemer Gemeindepräsident Hans Isler, die FDP-Kantonsrätin und Verkehrsexpertin Carmen Walker Späh sowie der Vizedirektor des ZVV, Dominik Brühwiler. Wobei Letzterer den Part des Bösewichts übernehmen musste: Der ZVV hat den Ausbau der Strecke Stäfa–Zürich schon lange angekündigt, aber immer wieder vertagt. Zuletzt im Mai 2008, als die Inbetriebnahme der zusätzlichen Bahnlinie S20 von 2013 auf 2015 verschoben wurde. Erst der Ärger über diesen Rückzieher hatte die FDP-Petition überhaupt provoziert.
Angesichts des spärlichen Publikumsaufmarsches – es verloren sich kaum 20 Leute in der Aula des Blatten- Schulhauses – stellte sich natürlich die Frage, ob das Problem derart akut ist, wie das die FDP darstellt. Parteipräsident Giovanni Weber behalf sich mit dem sommerlichen Wetter und wies auf die erfolgreiche Unterschriftensammlung hin: «Bereits 2000 Personen haben die Petition unterschrieben. »
ZVV im grossen Wunschkonzert
Dass die Passagierzahlen auf der Strecke Rapperswil–Zürich seit dem Ausbau der S-Bahn-Linien 1999 regelrecht explodiert sind, musste selbst ZVV-Vertreter Dominik Brühwiler einräumen. Aber nicht nur das: «Es wird noch schlimmer und unangenehmer», erklärte er offen. In den nächsten fünf Jahren sei mit einem weiteren Passagierzuwachs von 24 Prozent zu rechnen. Doch das sei im Vergleich zu andern Ballungsräumen noch harmlos. Auch dort gebe es Wünsche, weshalb man das Goldküste-Problem nicht einfach prioritär behandeln könne.
Dass der ZVV die Einführung der S20 und damit des Viertelstundentakts erneut verschoben hat, begründete Brühwiler so: Für die neue Linie müsse im stark frequentierten Bahnhof Stadelhofen (Zeit-)Raum freigeschaufelt werden – das sei jedoch erst machbar, wenn die neue Durchmesserlinie zwischen Oerlikon, Zürich HB und Altstetten 2015 eröffnet werde.
Die Gemeinden sind frustriert
Hans Isler reagierte auf diese Argumente mit harscher Kritik. Sein Votum machte deutlich, dass die Behörden der oberen Seegemeinden über den Vorstoss der FDP alles andere als unglücklich sind – selbst wenn sie wie Isler einer andern Partei (nämlich der SVP) angehören. Seit Jahren würden die oberen Seegemeinden vom ZVV hingehalten und vertröstet, klagte der Meilemer Gemeindepräsident: «Es gibt kaum mehr Vertrauen in die Planung des ZVV.» Angefangen habe das Ganze bereits Anfang der 80er Jahre, als der Bau einer Doppelspur versprochen worden sei. «Auf die warten wir immer noch», sagte Isler, «obwohl wir alle unsere Bahnhöfe nach Doppelspur- Standard bauen mussten.»
Für die S20 wäre zwar keine Doppelspur nötig: Allein im Bahnhof Herrliberg- Feldmeilen müsste ein Wendegleis gebaut werden. Doch Isler äusserte auch im Fall der S20 ernsthafte Zweifel an der Verlässlichkeit des ZVV: «Ob die 2015 kommt, ist völlig offen.» Schliesslich sei der Zeitplan des ZVV noch vor der Finanzkrise präsentiert worden. Gerade deshalb brauche es jetzt Druck aus den betroffenen Gemeinden und der Bevölkerung. Isler mahnte jedoch, dass es mit der S20 keineswegs getan sei: Auch der Doppelspur-Ausbau müsse weiterverfolgt werden. «Sonst droht in 15 Jahren ein Kollaps.»
Gespaltene Goldküsten-Zunge
Support für die Anliegen der Seegemeinden kündete Carmen Walker Späh an. Obwohl sie in der Stadt wohne, könne sie deren Ruf nach Entlastung verstehen. «Ein Ausbau des Strassennetzes ist an der Goldküste nicht zu erwarten», sagte die Kantonsrätin, «deshalb gibt es keine Alternative zur Förderung des öffentlichen Verkehrs.» Tatsächlich wird es Sache des Kantonsrates sein, über den Ausbau des Bahnangebots an der Goldküste zu entscheiden. Ziel der FDP-Petition ist es denn auch, einer Behördeninitiative im Kantonsrat Nachdruck zu verleihen, die von den Seegemeinden vorbereitet wird.
Die Suche nach Mehrheiten im Kantonsrat wird kein Leichtes sein: Gilt es doch, Volksvertreter aus eben jenen Gebieten zu überzeugen, in denen es ebenfalls Ausbauwünsche gibt. Nicht gerade optimistisch stimmt vor diesem Hintergrund die Tatsache, dass bis vor kurzem selbst die unteren Seegemeinden kaum Interesse für die Anliegen ihrer Nachbarn zeigten oder gar ablehnend reagierten. Kein Wunder: Im unteren Seegebiet ist der Viertelstundentakt bereits heute beinahe Realität. Dieser «Bruch» zeigt sich auch in der FDP: Bis jetzt hat sich von den unteren Seegemeinden nur die Ortspartei Herrliberg für eine aktive Unterstützung der Viertelstundentakt- Petition entschieden.
Von solchen Bedenken lassen sich die Petitionäre jedoch nicht entmutigen. Ihr Motto ist nämlich: «Wenn wir nicht auf unsere Probleme aufmerksam machen, passiert gar nichts.»
Zürichsee Zeitung, 19.6.2009, S.5 |